Kernbankenarchitektur: von technischen Schulden zu zukunftssicheren Lösungen

Vor dem kommenden Launch des neuen BANCOS Core Banking setzen wir unsere Interviewreihe fort. In diesem Teil geht es um das technologische Fundament: die Architektur von Kernbankensystemen. Unser CTO Udo Oehmig erläutert, warum jahrzehntelang gewachsene Legacy-Systeme Banken ausbremsen und wie die Architektur der neuen Kernbankplattform von BANCOS aufgebaut ist.

Worin besteht das eigentliche Grundproblem von Legacy-Kernbankensystemen?

Udo Oehmig, CTO der BANCOS AG: Die Kernproblematik ist, dass Legacy-Systeme organisch gewachsen sind – teils über Jahrzehnte. Jede Erweiterung, jeder Workaround stapelt sich auf dem vorherigen. Irgendwann ist das System so komplex, dass niemand mehr das Gesamtbild überblickt. Eine solche monolithische Kernbankenarchitektur treibt insgesamt die technischen Schulden immer weiter nach oben, je länger man an ihnen festhält.

Welche konkreten Folgen hat das für den laufenden Bankbetrieb?

Vor allem drei. Erstens: Stabilität wird zum Risiko, statt eine Selbstverständlichkeit zu sein. Ein System, das niemand mehr vollständig durchdringt, wird zu einer gefährlichen Abhängigkeit. Zweitens: Die Bereitstellung neuer Funktionen wird immer teurer und langsamer zu liefern. Und drittens: Integrationen mit externen Systemen werden schlicht unwirtschaftlich.

Dazu kommt ein weiterer Punkt, die immer stärker ins Gewicht fällt: Viele neue Technologien lassen sich auf einer solchen Basis nur eingeschränkt oder gar nicht realistisch nutzen – allen voran künstliche Intelligenz.

Ein weiteres Risiko wird oft unterschätzt: das Personal. Warum?

Weil Expertenwissen für jahrzehntealten Code nicht mehr am Markt verfügbar ist. Wenn die Menschen, die ein solches System wirklich kennen, in Rente gehen oder das Unternehmen verlassen, geht das Wissen mit.

Wir kennen das aus eigener Erfahrung. Unser Legacy-Produkt lief auf Informix 4GL – einer Technologie, die es seit den 1980er-Jahren gibt. Unsere Kunden von dieser Plattform wegzuführen, ist aktuell eine unserer größten Aufgaben. Das gibt uns eine sehr konkrete Perspektive darauf, was Banken mit solchen Systemen durchmachen – wir sprechen hier nicht aus der Theorie, sondern auf Basis eigener Erfahrungen.

Wie sind wir in die Entwicklung der neuen Generation von BANCOS Core Banking eingestiegen?

Ein Punkt war zentral: Wir haben nicht refactored. Wir haben neu gebaut. Das ist eine fundamentale Entscheidung – denn wer ein bestehendes System refactored, nimmt die Denkweise des alten Systems mit. Ein echter Neuanfang erlaubt es dagegen, die richtigen Entscheidungen von Grund auf zu treffen.

Wie ist die Architektur des neuen BANCOS Kernbankensystems konkret aufgebaut?

Die Architektur des neuen BANCOS Core Banking ist cloud-nativ, modular und API-first aufgebaut. Außerdem setzen wir konsequent auf offene Standards und Open-Source-Komponenten.

— Udo Oehmig // CTO der BANCOS AG

 

Die Plattform ist von Grund auf cloud-nativ – und dabei bewusst Cloud-Provider-agnostisch. Eine Bank ist also nicht an einen bestimmten Hyperscaler gebunden. Für uns ist das nicht nur eine technische, sondern vor allem eine Frage der Souveränität: Die Bank behält die Kontrolle – über ihren Betrieb, über ihre Infrastruktur und über ihre Daten.

Wir setzen konsequent auf offene Standards und Open-Source-Komponenten – z. B. PostgreSQL als Datenbank, Kubernetes für den Betrieb, Terraform für Infrastructure-as-Code. Das sind keine Nischenentscheidungen – das ist der Industriestandard.

Die Architektur des Kernbanksystems insgesamt ist modular und API-first aufgebaut. Jedes Modul ist unabhängig deploybar, jede Schnittstelle über eine API zugänglich – für externe Partner, für KI-Anwendungen, für alles, was noch kommt.

Was bedeutet diese Kernbankenarchitektur für die KI-Readiness und die langfristige Zukunftssicherheit?

Entscheidend ist: KI-Readiness ist bei uns kein Feature, das nachträglich aufgesetzt wird – sie ist durch die Architektur des Kernbankensystems gegeben. Saubere APIs, ein Data-Lake-Ansatz für den Datenzugriff und ein System, das keine proprietären Datensilos aufbaut. Damit liegen die Daten einer Bank nicht in verstreuten, abgeschotteten Beständen, sondern sind zugänglich – und genau das ist die Voraussetzung dafür, dass KI überhaupt einen Mehrwert liefern kann.

Im Ergebnis können wir ein zukunftssicheres System bieten, das offen und modular gestaltet ist. Eine solche Kernbankenarchitektur trägt dazu bei, dass technische Schulden nicht weiter aufgebaut, sondern strukturell verhindert werden.

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